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Thema des Monats Mai 2013: Die Oscars 2013

Ein politisches Oscar-Jahr versteckt in Musical, Bond-Nostalgie und dem "Boob"-Song

Wer die gesangslastige, von zahlreich tanzenden, singenden und witzelnden Hollywood-Stars geprägte Oscar-verleihung ansah, ohne einiges von der Vorgeschichte mitbekommen zu haben, konnte kaum ahnen, was für eine politische Aufladung der diesjährige Oscar besaß. Der Auftritt der Präsidentengattin am Schluß der Show hätte ein Hinweis sein können, war aber in seinem oberflächlichen Charme und Nettigkeit zunächst zu übersehen, führte aber ein paar Stunden später zu diplomatischen Verwicklungen mit dem erbosten iranischen Regime erstens wegen des als Bester ausgezeichneten Films ARGO und zweitens wegen des angeblich unschicklichen Kleids von Michelle Obama.
Seth MacFarlane führte überraschend souverän durch die Show. Einmal brachte er mit dem "Boob"-Song seine Art von deftigen Humor ein und präsentierte ansonsten eine Show in der die zahlreichen Tanz- und Gesangsnummern eine Hommage an die Entertainment-fähigkeiten von Hollyood, das Film-Musical und an die 50-jährige Bond-Geschichte in den Vordergrund stellten. Für den vorinformierten Zuschauer ergab sich so eine eigenartige, spannende Diskrepanz zwischen dem oberflächlichen Glanz der Live-Show und der Frage, welche Kampagnen dieses exzellenten Oscar-Jahrgangs aufgehen würden. Die Show hatte dabei wenig mit dem zu tun, was in den Wochen kurz vor der Nominierung und danach in Hollywood passiert war.




Vier explizit politische Filme, mit ARGO, LINCOLN, ZERO DARK THIRTY und DJANGO UNCHAINED begeisterten bzw. spalteten mit ihren politischen Darstellungen und Stellungnahmen. Daneben gab es mit dem absoluten Außenseiter und Independent-Film BEAST OF SOUTHERN WILD einen Film der als sozial-psycholgische Parabel zur amerikanischen Gesellschaft verstanden werden konnte und mit der Liebeskomödie SILVER LININGS PLAYBOOKS eine Film der die Normalität von psychologischen Problemen oder Defekten nahelegt, und somit zumindest andeutet, dass irgendetwas nicht stimmen kann, wenn die Verrückten eigentlich die Normalen bzw. die romantischen Helden unserer Zeit sind. Folge dieser als zentral empfundenen Nominierungen war sowohl in den deutschen Feuilletons wie in der US-Qualitäts-Presse, dass über über eine "manisch-depressive" USA gesprochen wurde, deren filmischer Jahrgang selten so politisch und hochklassig gewesen sei.

Diesen 6 mehr oder weniger diagnostischen Filmen stand mit LES MISERABLES ein am populären Musical orientiertes Austattungskino gegenüber, dessen originär politischer (Victor Hugo) Stoff überdeckt wurde von gut gemachten Kitsch, deftigen Sentiment und den hochklassigen Entertainmentqualitäten von brillanten Schauspielern. Ebenfalls unpolitisch, aber tiefschürfende philosophische, metaphysische oder humanistische Fragen stellend, gab es dann noch LIFE OF PI von Ang Lee und den europäischen Außenseiter LIEBE vom genialen Michael Haneke. Beide letztgenannten Filme wurden dann auch vielmehr wegen ihrer künstlerischen Qualitäten in den Blickpunkt genommen und honoriert, als die durch ihre politische Aufladung immer aus einem bestimmten Blickwinkel betrachteten explizit politischen Filme - was den beiden Großmeistern des modernen Kinos Ang Lee und Michael Haneke auch half, bei den Oscars letzendlich zu den Gewinnern zu zählen. Ang Lee erhielt den Oscar als bester Regisseur ind in Bereich Musik, Kamera und Visuelle Effekte 3 weitere Oscars für seinen Film und AMOUR/LIEBE erhielt den Oscar als bester fremdsprachiger Film und konnte mit seinen weiteren 4 Nomnierung für einen sperrigen europäischen Film nur als Triumph für Michael Haneke gelten.

Die vier explizit politischen Filme zeigen jeder auf sehr unterschiedliche Art ein Land zwischen der Selbstvergewisserung seiner Werte, dem Sich-Stellen seiner dunklen Seiten und dem Erkennen einer mentalen Instabilität der US-Nation begründet in historischen Traumata.

Interessanterweise war dabei diejenige historische Begebenheit, die vor 9/11 neben dem Vietnamkrieg immer als das Symbol einer historischen Depression des Landes galt, plötzlich einer der Filme, der eine Heldengeschichte erzählt, in der sogar Hollywood als Wohnstätte einiger Helden eine ironische Hommage erhält. ARGO schaut politisch eher mild und ironisierend nostalgisch auf eine der traumatischsten Kapitel der modernen US-Geschichte, nämlich der iranischen Revolution und der damit verbundenen Geiselnahme von US-Bürgern in Teheran, zurück und entdeckt in ihr ein heldenhaftes Hollywood. Dass dieser Film zum großen Gewinner der Filmpreis-Saison und auch der Oscars wurde, erscheint im Nachhinein logisch, war aber bei der Verkündigung eigentlich nicht zu erwarten. Da Ben Affleck keine Nominierung in der Regie-Kategorie erhielt, war so gut wie ausgeschlossen, dass der vor allem von seiner brillanten Regieleistung getragene Thriller zum besten Film gewählt werden könnte. Doch aus der überraschenden Nicht-Nominierung in der Regie-Kategorie sollte sich eine eigene Dynamik entwickeln, die dem mit Hollyood-Exzentrikern sympathisierenden Film eine der ungewöhnlichsten Oscar-Kampagnen aller Zeiten bringen sollte.

War man vorher davon ausgegangen, dass ARGO zahlreich nominiert werden wird und vielleicht auch in der ein oder anderen (Neben-)Kategorie etwas holen wird, wurde die Nicht-Nominierung Afflecks als Ignoranz gegen eines der beliebtesten Mitglieder der Hollywood-Gemeinde verstanden. Ben Affleck hatte wie kaum ein anderer Höhen und Tiefen in seiner Karriere durchgemacht und sich aus einem Karrieretief mit drei inszenierten Filmen (GONE BABY GONE, THE TOWN) zu einer der anerkanntesten Filmemacher Hollywoods entwickelt. Quasi zu einem linksliberalen, offensiv als Demokrat auftretenden Gegenstück zu Clint Eastwood. Dies gehörte auch von der Oscar-Jury anerkannt, wie man in den USA und speziell in Hollywood der Meinung war. In den nach der Oscar-Nominierung stattfindenen Preisverleihungen entwickelte sich aus dieser Solidarität ein eindeutiger Trend in Richtung ARGO als auszuzeichnenden Film des Jahres.

Bis dahin hätte man eher einen Zweikampf von Steven Spielbergs LINCOLN mit Kathryn Bigelows ZERO DARK THIRTY erwarten müssen - allerdings mit dem klar favorisierten LINCOLN. Der dreckige und die Geschichte des "weißen Amerikas" in düster-sarkastischen Zügen zeigende DJANGO UNCHAINED konnte nur als Außenseiter gelten.

ZERO DARK THIRTY war schon einige Zeit vor der Nominierung der große Kritiker-Favorit gewesen und gilt für viele Filmbeobachter bis heute als bester und wichtigster amerikanischer Film des Jahres. Er disqualifierte sich aber durch zwei politische Diskussionen aus dem absoluten Favoritenkreis. Die erste Problematik war schon bevor der Film veröffentlicht war zum Vorschein gekommen. Politiker und Geheimdienstleute wurden in Anhörungen und von einem Teil der Presse mit Fragen und Anschuldigungen förmlich gegrillt, ob und wie sie Bigelows Drehbuchautoren und Partner Mark Boal über die Jagd und das Töten Bin Ladens informiert hätten und ob dabei Geheiminformation weitergegeben worden wären. Dahinter schwang auch der Vorwurf eines Werbefilms für die Obama-Regierung. Bei Ansicht des Films konnte man zwar keine Hinweise auf eine Obama-Werbung erkennen, aber der Film kam und blieb im Fahrwasser politischer Diskussionen. Nach offizieller Premiere und Kinostart feierten ihn die Mehrheit der Filmkritiker, während er von Menschenrechtsaktivisten oder von vielen Poltiktikern als Pro-Folter-Film verstanden wurde. Bigelow und Boal konnten danach noch so oft davon reden, dass sie einen quasi dokumentarischen Ansatz innerhalb eines Spielfilms präsentieren wollten und keine Folter-Befürworter seien, sondern nur die Geschichte der Geheimdienstsuche nach Bin Laden darstellen würden. Es verfing nicht. Genauso wenig wie die genauen Analyse von Filmkritikern und Essayisten, die immer wieder darauf hinwiesen, dass der Film weder inhaltlich noch stilistisch als Folter-Propaganda verstanden werden könne. Der extrem kühle, sich auf (scheinbare) Fakten) berufende, die Geheimdienstwelt plausibel darstellende Film, der es jedem einzelnen Zuschauer überläßt eine Stellung zu den Taktiken und Praktiken der US-Politik nach 9/11 zu finden, hatte jegliche Chance verloren, wichtige Oscars zu gewinnen. Man konnte keinen Film auszeichnen, der so umstritten ist, in einer aktuellen politischen Frage.




Danach erschien selbst die provokante Sklaverei-Gewalt-Orgie eines Quentin Tarantino in DJANGO UNCHAINED als Oscar-Gewinn verdächtiger. Die Drehbuch-Qualitäten und Dialog und Typisierung führten somit zu einem nicht unverdienten Oscar von Quentin Tarantino in der Sparte Original-Drehbuch, wo eigentlich das journalistisch und dramaturgisch höchst aufwändig hergestellte Drehbuch von Mark Boal Favorit gewesen wäre. Christoph Waltz Nebendarsteller-Oscar machte DJANGO UNCHAINED neben LIFE OF PI und ARGO zu einem der gefühlten Gewinner des Abends. Ausschließlich der genial spielenden Jessica Chastain gab man als CIA-Agentin auf der Jagd nach Bin LADEN noch sehr gute Chancen auf den Hauptdarstellerinnen-Oscar, sie musste sich aber letztendlich dem neuen Hollywood-Liebling Jennifer Lawrence in einem Kopf-an Kopf-Rennen geschlagen geben.
Schon bei den Nominierungen hatte sich in der geringen Anzahl von 5 Nominierungen ausgedrückt, dass ZERO DARK THIRTY keiner der Gewinner des Abends werden konnte, und so musste sich der interessanteste Film - und vielleicht beste - mit einem geteilten Tonschnitt-Oscar begnügen.

Am Ende des Oscar-Abends waren Ben Affleck mit ARGO als Bester Film und Ang Lee mit LIFE OF PI die Gewinner des Abends, ZERO DARK THIRTY. eigentlich der große Verlierer, doch überraschenderweise LINCOLN eigentlich auch, was nur der Hauptdarsteller-Oscar an Daniel Day-Lewis mit seiner genialischen Darstellung Abraham Lincolns kaschierte. LINCOLNs 12 Nominierungen brachten ihm keine Auszeichnungen in den anderen zentralen Kategorien ein, was wohl der Sympathie-Kampagne für ARGO und dem gegeneinander Ausspielen der politische Filme in den Kampagnen geschuldet war. Spielbergs Ansatz erschien im Vergleich zu den anderen doch arg konventionell und sein Umgang mit dunkelhäutigen Nebenfiguren zumindest altmodisch. In vielen Oscar-Jahrgängen hätte die Virtuosität und der die große amerikanische Symbolfigur feiernde Humanismus Spielbergs gereicht, um zu triumphieren, doch in diesem überragenden Jahr eben nicht. Letztendlich kann man alle Auszeichnungen mittragen und als verdient ansehen, doch der Weg dahin war selten so spannend, dramatisch und für einen Film wie ZERO DARK THIRTY so problematisch gewesen.
Doch für den Zuschauer, der nur den Abend genoss, war es einfach nur eine gelungene Show mit überraschenden Tanz- und Gesangseinlagen von (Harry Potter-)Daniel Radcliffe, Charlize Theron, Joseph Gordon-Levitt und vielen anderen ihre Virtuosität zeigenden Stars.


Michael Leonards


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